| Mangel an sozialen Reformen gefährdet Chinas Zukunft |
| 2010/06/02 |
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China kämpft gegen die soziale Spaltung der Gesellschaft. Nicht nur wird der Unterschied zwischen den einzelnen Gesellschaftsschichten immer größer, auch die Mobilität zwischen den sozialen Gruppen wird erschwert. Der soziale Konflikt intensiviert sich und gefährdet damit Chinas Zukunft. Das Nanfeng Chuang Magazin hat sich mit Professor Lu Xueyi darüber unterhalten. NFC: Viele glauben, dass sich soziale Mobilität in China verringert. Was glauben Sie? Lu: Die chinesische Bevölkerung hat gerade erst angefangen, überhaupt ein Chance zu bekommen, die soziale Leiter auf- und abzusteigen. Chinas soziale Mobilität verringert sich nicht, aber sie verändert sich. Unsere heutige Gesellschaft umfasst zehn soziale Klassen, sie hat sich von einer einfachen zwei Stufen Gesellschaft vor der Reform und Öffnungspolitik, zu einer komplexeren mehrstufigen Gesellschaft entwickelt. Man kann den sozialen Status nicht mehr nur durch einen Universitätsabschluss oder den Eintritt in die Armee verändern. Chinas soziales System verändert sich von einem geschlossenen in ein offenes System, in diesem Zusammenhang ist in China auch eine Mittelschicht entstanden. Seit der Reform- und Öffnungspolitik wächst die Anzahl der selbstständigen Betriebe jährlich um 1.03 Millionen. Von 1995-2007 ist die Zahl der Firmen- und Geschäftsinhaber jährlich um 73,000 gewachsen. Jedes Jahr erlangen etwas 6 Millionen Studenten einen Universitätsabschluss, darüber hinaus gibt es mittlerweile aber noch viele andere Möglichkeiten die soziale Leiter aufzusteigen. Mittlerweile gehören 23 Prozent der Angestellten in China der Mittelklasse an, dass sind acht Prozent mehr als noch 1999. Gegenwärtig sind 8 Millionen Menschen in China der Mittelklasse zuzurechnen. Das alles ist soziale Mobilität. Ich denke, dass die Kinder der ärmeren Gesellschaftsschicht heute mehr Chancen haben in die Mittelklasse aufzusteigen. NFC: Statistisch gesehen hat sich die Mittelklasse in China vergrößert, aber die Statistik und die Gefühle der Menschen sagen häufig etwas anderes. Ein gegenwärtiges Gefühl ist, dass die Mittelklasse gespalten ist und sich ein Teil der Mittelklasse nach unten bewegt. Lu: Momentan gibt es zwei Entwicklungstrend für die Gesellschaft, einer dieser Trends ist, dass die Mittelschicht wächst und der andere Trend ist, dass sich die gesellschaftliche Spaltung intensiviert. Hierdurch gibt es Unsicherheiten, wohin sich die Gesellschaft entwickelt. Obwohl der Anteil der chinesischen Mittelschicht größer geworden ist, ist er bei weitem noch nicht ausreichend. Fehlt eine Mittelschicht als Bindeglied zwischen der reichen und der armen Bevölkerung, kann dies zu Unruhen und Konflikten in der Bevölkerung führen. Chinas Gesetze sollten sich darauf konzentrieren die Mittelschicht zu vergrößern und den Anteil der Armen verringern, dazu gehört auch, einen Interessenausgleich zwischen den einzelnen Schichten zu erwirken. Wird China die Mittelschicht weiter unterstützen, dann werden die Probleme nur vorübergehend sein und auch die Probleme der Arbeiter werden dann gelöst werden, selbst die Kinder werden nicht arm bleiben. NFC: Die Probleme der "zweiten Generation", also die, die nach der Reform- und Öffnungspolitik geboren sind, werden heftig diskutiert. Der Unterschied der Lebensbedingungen, zwischen Reichen und Armen ist immens, stellt dies ein ernstzunehmendes Problem dar? Lu: Dieses Problem existiert, ist aber nur vorübergehend. Wir müssen soziale Probleme von ihren langfristigen holistischen Perspektiven aus untersuchen und beurteilen. China durchläuft eine Entwicklung von einer traditionellen in eine moderne Gesellschaft, da ist es normal, dass sich soziale Konflikte intensivieren. NFC: Eine Zunahme der sozialen Konflikte und eine Differenzierung ist unvermeidlich? Was verursacht die Probleme? Lu: Es gibt immer soziale Konflikte, eine Zunahme und eine Differenzierung ist aber abnormal. Einer der wesentlichen Gründe in China liegt darin, dass die soziale Entwicklung der wirtschaftlichen Entwicklung hinterherhinkt. Chinas soziale Entwicklung ist etwas 15 Jahre hinter der Zeit her. China hat sich sehr auf sein Wirtschaftswachstum konzentriert, Ressourcen und Möglichkeiten wurden vergeben, die in die soziale Entwicklung hätten gehen müssen. NFC: Was sind die Gründe dafür, dass Chinas Sozialstruktur so Rückständig ist? Lu: Die Gründe hierfür sind kompliziert. Zum einen entwickelt sich China von einer Plan- in eine Marktwirtschaft, gleichzeitig wandelt es sich aber auch von einem landwirtschaftlich geprägten Staat in einen Industriestaat. Diese simultane Entwicklung macht die Veränderung schwieriger und soziale Konflikte treten leichter auf. Zum anderen, obwohl wirtschaftliche Reformen durchgeführt wurden, haben soziale Reformen noch nicht einmal angefangen. So wurde das Hukou-System (Bürgerregistrierung) und andere Regulierungen nie reformiert. All dies passt nicht mehr in eine Marktwirtschaft. NFC: Was wird passieren, wenn Sozialreformen noch lange aufgeschoben werden? Lu: Die USA, Japan, und Südamerika können in diesem Zusammenhang alle als Beispiele dienen. Die USA unterstützen soziale Gerechtigkeit und stärken das soziale System, sie nutzen Angst, Wut und Unsicherheit als Motiv für Reformen. Japan hat die Bedeutung der gesellschaftlichen Struktur erkannt, hat Reformen aber nicht gründlich durchgeführt. Das Wohnproblem konnte in Japan immer noch nicht gelöst werden. In Südamerika sind die Länder gefangen in einem Wechsel von Aufschwung und Rezession. Es gab nie einen Plan für eine gesellschaftliche Entwicklungl, tiefgreifende Reformen fehlen auch hier. China wird vermutlich dem Beispiel Südamerikas folgen, sollte es nicht bald Reformen einleiten. Gegenwärtig ist Chinas soziale Struktur geprägt durch Markt- und Staatsmacht. Es gibt vier Möglichkeiten wie sich China entwickeln könnte. Erstens, wenn die Wirtschaft weiter wächst und sich die Gesetze und das System den sozialen Veränderungen anpassen, dann wird eine moderne Gesellschaft mit einer breiten Mittelklasse entstehen. Die gegenwärtigen Probleme sollten verschwinden. Zweitens, wenn die Gesetze und das politische System nicht den wirtschaftlichen Veränderungen angepasst werden, dann wird das Loch zwischen Reich und Arm größer werden, die Unterschicht wird sich sogar noch vergrößern. Die soziale Instabilität wird zunehmen. Drittens, sollte die Wirtschaftsentwicklung abnehmen, die Gesetze und das politische System trotzdem den Gegebenheiten angepasst werden, auch dann werden die sozialen Probleme verschwinden. Viertens, wenn sich die wirtschaftliche Entwicklung nicht verlangsamt und sich politische System nicht den Gegebenheiten anpasst, dann wird sich die Gesellschaft in Reich und Arm teilen. Es wird zu sozialen Spannungen zwischen diesen beiden Gruppen kommen, welche die Gesellschaft gefährden werden. Die gegenwärtigen Probleme werden zunehmen und einen Punkt erreicht werden, an dem die Probleme nicht mehr haltbar sind. Die soziale Struktur hat sich in China noch nicht gefestigt, aber die Möglichkeit einer Erstarkung wächst, desto länger soziale Reformen aufgeschoben werden. Wird nichts getan, dann wird sich die Gesellschaft mit einer Krise konfrontiert sehen. NFC: Was ist der Hauptpunkt von sozialen Reformen? Lu: Die Entschlossenheit der Zentralregierung. Seit der Reform- und Öffnungspolitik wurden immer wieder Entscheidungen und Reformen von der Regierung entschlossen durchgeführt. Soziale Konflikte, soziale Immobilität und soziale Brüche, sie alle entstammen dem gleichen System. Das Individuum kann das System nicht brechen und Lösungen anbieten. Quelle: Global Times |