| Shanghai – wirklich eine Weltklassestadt? |
| 2010/05/07 |
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Shanghai hat in den vergangenen 20 Jahren mehr geschafft als viele andere Städte in hundert Jahren. Aber ist die Stadt wirklich eine Weltklasse-Stadt? Mit der gerade eröffneten grandiosen Expo scheint Shanghai der Welt zu sagen, dass die Stadt alles hat, was eine große internationale Stadt braucht. Naja, ich würde sagen: Leicht gefehlt. Vom riesigen Internationalen Flughafen Pudong, dem modernen Tiefwasserhafen Yangshan, der Magnetschwebebahn und dem U-Bahnnetzwerk bis hin zu den unzähligen Wolkenkratzern und luxuriösen Shopping-Arkaden – Shanghai hat in den vergangenen 20 Jahren mehr geschafft als viele andere Städte in hundert Jahren. Shanghai hat rasch mit der Infrastruktur anderer großer Städte aufgeholt oder sie sogar überholt. Die Stadt hat das Ziel, ein internationales Finanz- und Transportzentrum zu werden. Dies ist ein Ziel, für das es sich wirklich zu kämpfen lohnt, sowohl für die Stadt als auch für ganz China, wenn man Shanghais Rolle als Finanz-Zentrum des Fernen Ostens in den 1930er Jahren bedenkt. Und trotzdem: Das Motto der Expo "Better City, Better Life" wird nicht einfach durch die Errichtung eines Finanz- und Transportzentrums erreicht. Shanghai wird niemals zu einer Weltklasse-Stadt aufsteigen, wenn die Stadt nur darauf aus ist, ein erstklassiges Wirtschaftszentrum zu werden. Die Stadt muss auch zu einem kulturellen Zentrum werden. Das ist genau das, was dem heutigen Shanghai im Vergleich zu vielen anderen Weltklasse-Städten fehlt. Die farbenprächtigen Shows und Aufführungen in New York jede Nacht lassen Shanghai wie kulturell verwüstet erscheinen, trotz seiner neuartigen Einrichtungen. Die Museen, Bibliotheken, Theater, Kunstgalerien und öffentlichen Sporteinrichtungen im Big Apple stechen die Zahl derer in Shanghai aus. New York City zieht ganz einfach den Längeren. Nicht zu vergessen die bedeutenden New Yorker Zeitungen, Magazine und Fernsehstationen, wie die New York Times, das Wall Street Journal, das Time Magazine und die Newsweek oder auch ABC, NBC und CBS. Als ein unbestreitbares erstklassiges Weltfinanzzentrum zieht New York City wegen seiner Kultur und Geschichte unzählige Menschen an. Das U-Bahnsystem in New York wirkt im Vergleich zu den brandneuen Linien in Shanghai antiquiert, und doch macht ein Trip zum New Yorker Transit-Museum in Brooklyn die Fahrt auf allen Linien zur einer geschichtlichen und kulturellen Entdeckung, von den Mosaiken an den Wänden bis hin zum Design der Stationen, die das gesamte vergangene Jahrhundert widerspiegeln. Auch die meisten Wolkenkratzer in New York sehen weniger modern als die in Shanghai aus. Und doch sind viele von ihnen das Werk weltbekannter Architekten, und jedes Gebäude zeigt die Wandlung der Stadt im Laufe der Zeit. Bei der Modernisierung der Stadt hat Shanghai bedauerlicherweise zu viele seiner historischen Viertel und Gebäude zerstört. Stella Dong, Autorin von Shanghai 1842-1949: The Rise and Fall of a Decadent City (Shanghai 1842-1949: Der Aufstieg und Niedergang einer verfallenden Stadt) beklagte ebenfalls das rasante Verschwinden von Shanghais Geschichte, insbesondere im North Bund, als ich sie vergangene Woche in New York traf. Eine Freundin, die vergangene Woche New York besuchte, war begeistert, Buchläden vorzufinden, in denen es immer noch Lesungen gibt. "Wer in China ist heute noch interessiert daran, zu einer literarischen Lesung zu gehen?" hat sie mich gefragt. Vor einem Monat gingen ein Freund, der Cellist ist, und ich zu einem Konzert in der Carnegie Hall von Mali's meist gefeiertem Ngoni (eine Zupflaute aus West-Afrika) Virtuosen Bassekou Kouyate. Es war fast ausverkauft. Wir beide fragten uns, wie viele Shanghaier am späten Abend zu einem solchen Konzert gehen würden wie die New Yorker es tun. In wenigen Tagen wird Shanghai seinen eigenen "Stürmenden Bullen" am Bund bekommen, ähnlich zu dem vor der New Yorker Börse, kreiert von demselben italienisch-amerikanischen Künstler Arturo Di Modica. Aber bloßes Imitieren macht Shanghai nicht so großartig wie andere Städte. Shanghai braucht einen klaren Blick bei der Erhaltung seiner Geschichte und der Entwicklung von Kulturszenen. Wenn die Stadt diesen Blick hat, dann kann sie genauso viel davon profitieren wie von einem Finanz-, Transport- oder Handelszentrum, aber hat sicherlich dann als Stadt viel mehr zu bieten. Quelle: China Daily |